!Wohin mit diesem Land
!Wohin mit diesem Land
*Mohamad Saleh
Als Migrant, der aus einem Land nach Österreich geflüchtet ist, das viele Jahre von einem islamistischen Diktator regiert wurde, beobachte ich seit Jahren, was in unserer Gesellschaft passiert. Ich interessiere mich sehr für Geschichte und Gesellschaft. Vielleicht mache ich mir deshalb auch mehr Gedanken darüber, wohin sich unser Land entwickelt. Und ehrlich gesagt macht mir vieles, was ich heute sehe, Angst
Ich habe in Österreich eine Heimat gefunden. Ich habe hier ein Leben aufgebaut und meine Zukunft gesehen. Meine Kinder kennen kein anderes Land. Für sie ist Österreich einfach ihre Heimat. Sie sind hier aufgewachsen, hier ist ihr Zuhause, und ich möchte, dass sie auch in Zukunft das Gefühl haben können, ganz selbstverständlich dazuzugehören
Aber in letzter Zeit frage ich mich immer öfter: Wohin geht dieses Land eigentlich? In welche Richtung bewegen wir uns als Gesellschaft? Und was für eine Zukunft wartet auf unsere Kinder
Wenn ich die Nachrichten verfolge und sehe, wie sich die politische Diskussion verändert, werde ich immer unruhiger. Es geht mir nicht darum, dass sich eine Gesellschaft verändert oder dass Menschen unterschiedliche politische Meinungen haben. Das gehört zur Demokratie. Was mir Sorgen macht, ist etwas anderes: wie selbstverständlich Hass und Ausgrenzung mittlerweile wieder geworden sind, wie offen rassistische Aussagen ausgesprochen werden und wie wenig Widerstand es manchmal dagegen gibt
Dabei muss ich oft an die Geschichte denken. Ich habe mich in den vergangenen Jahren viel damit beschäftigt, und gerade deshalb kann ich diese Entwicklungen nicht einfach ignorieren
In seinem Buch Black Earth: Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann beschreibt Timothy Snyder, welche Bedeutung die staatliche Zugehörigkeit und funktionierende Institutionen für das Schicksal der Jüdinnen und Juden während des Holocaust hatten. Ein Gedanke daraus ist mir besonders im Kopf geblieben: Wenn Menschen ihre rechtliche und gesellschaftliche Zugehörigkeit verlieren und nicht mehr als gleichberechtigte Mitglieder einer Gesellschaft betrachtet werden, werden sie viel leichter schutzlos gemacht
Die Verfolgung der Juden begann nicht erst mit den Deportationen und den Massenmorden. Davor gab es Jahre der Ausgrenzung, der Propaganda und der schrittweisen Entrechtung. Menschen wurden zuerst als fremd dargestellt, dann wurden ihnen Rechte genommen, und schließlich wurden sie immer mehr aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Nürnberger Gesetze von 1935 nahmen den jüdischen Menschen ihre staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Damit wurde auch rechtlich festgeschrieben, dass sie nicht mehr als gleichberechtigte Mitglieder der deutschen Gesellschaft gelten sollten
Es wäre natürlich falsch zu behaupten, dass sich Geschichte einfach wiederholt oder dass wir heute in derselben Situation leben wie damals. Aber ich glaube, wir sollten aus der Geschichte gelernt haben, auf solche Entwicklungen frühzeitig zu achten
Was mich an Snyders Überlegungen besonders beschäftigt, ist die Frage, was passiert, wenn Menschen nicht mehr als einzelne Personen wahrgenommen werden, sondern nur noch als Teil einer Gruppe, der man bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Plötzlich ist nicht mehr wichtig, wer jemand ist, wie er lebt oder was er für die Gesellschaft tut. Es reicht, dass er einer bestimmten Gruppe angehört
Auch der Unterschied zwischen verschiedenen besetzten Ländern während des Holocaust zeigt, wie wichtig staatlicher Schutz sein konnte. In Frankreich wurden viele jüdische Menschen deportiert und ermordet, darunter auch zahlreiche jüdische Flüchtlinge aus Polen. Ihre rechtliche Stellung und die Tatsache, dass manche keinen Schutz durch die französische Staatsbürgerschaft hatten, konnten eine Rolle spielen. Gleichzeitig wurden auch französische Juden verfolgt und ermordet. Es waren also mehrere Faktoren, die darüber entschieden, wer Schutz fand und wer der Verfolgung ausgeliefert war
Für mich bleibt daraus eine wichtige Erkenntnis: Wenn Menschen zuerst aus der Gesellschaft gedrängt werden, wenn ihre Zugehörigkeit infrage gestellt wird und wenn sie schließlich auch noch den Schutz des Staates verlieren, wird es für sie gefährlich
Bevor Menschen verfolgt werden, werden sie oft erst einmal zu Menschen gemacht, die angeblich nicht dazugehören
Genau deshalb machen mich manche Entwicklungen in Österreich so nachdenklich. Wenn ich heute politische Debatten verfolge, erkenne ich Muster, die mich an frühere Zeiten erinnern. Nicht, weil ich glaube, dass wir bereits wieder dort angekommen sind, sondern weil ich sehe, wie sich die Sprache verändert und wie schnell bestimmte Grenzen verschoben werden können
Hass wird normaler. Rassistische Aussagen werden als bloße Meinungen dargestellt. Antisemitismus ist weiterhin ein ernstes Problem, und gleichzeitig gewinnen politische Kräfte an Einfluss, die mit Ausgrenzung und der Angst vor anderen Menschen Politik machen
Was mich dabei besonders stört, ist, dass viel zu oft so getan wird, als wäre das alles ganz normal. Als müsste man solche Aussagen einfach hinnehmen, weil sie nun einmal Teil der politischen Diskussion seien. Aber nicht alles, was politisch diskutiert wird, sollte deshalb auch gesellschaftlich akzeptiert werden
Natürlich gibt es Menschen, die sich dagegenstellen. Es gibt Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen, die sich für Menschenrechte und gegen Rassismus einsetzen. Das will ich gar nicht kleinreden. Trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass der Widerstand nicht stark genug ist und dass auf politischer Ebene viel zu häufig klare Worte fehlen
Gerade von einer Regierung erwarte ich mehr Verantwortung. Politiker beeinflussen nicht nur mit ihren Gesetzen das Leben der Menschen. Sie beeinflussen auch, wie wir miteinander umgehen und wie wir über bestimmte Gruppen denken
Wenn man ständig über Integration spricht, gleichzeitig aber bestimmte Minderheiten immer wieder zum politischen Problem erklärt, muss man sich fragen, welche Botschaft damit vermittelt wird. Wenn eine Gruppe ständig im Mittelpunkt steht, als müsste sie sich besonders rechtfertigen oder beweisen, dass sie dazugehört, hinterlässt das Spuren
Das Kopftuchverbot ist für mich ein Beispiel dafür. Man kann über die rechtliche Zulässigkeit und die konkreten Auswirkungen solcher Verbote diskutieren. Aber man sollte dabei nicht vergessen, dass es auch um die Menschen geht, die davon betroffen sind. Was bedeutet es für ein Mädchen, wenn öffentlich ständig über ihre Kleidung und ihre Religion diskutiert wird? Was nimmt sie daraus mit? Hat sie das Gefühl, dass sie selbstverständlich zu diesem Land gehört, oder bekommt sie irgendwann den Eindruck, dass sie anders ist und anders behandelt wird
Ich finde, solche Fragen müssen gestellt werden dürfen
Auch die Sprache von Politikerinnen und Politikern spielt dabei eine große Rolle. Wenn Menschen, die hier leben, arbeiten, Steuern zahlen, ihre Kinder großziehen und Teil dieser Gesellschaft sind, immer wieder das Gefühl bekommen, nicht wirklich dazuzugehören, dann bleibt das nicht ohne Folgen
Worte können verletzen. Sie können aber auch Vorurteile verstärken und Menschen das Gefühl geben, dass sie weniger wert sind als andere. Und wenn solche Botschaften ständig wiederholt werden, gewöhnen sich irgendwann viele daran
Genau das macht mir Angst: dass wir uns langsam an Dinge gewöhnen, die wir früher nicht akzeptiert hätten. Dass wir irgendwann nicht mehr darüber nachdenken, ob eine Aussage rassistisch ist, sondern nur noch darüber, ob sie politisch nützlich ist. Dass wir Menschen zuerst nach ihrer Herkunft beurteilen und erst danach fragen, wer sie eigentlich sind
Dabei sollte uns die Geschichte etwas anderes gelehrt haben
Ein weiterer Punkt, der mich beschäftigt, ist die Rolle der staatlichen Institutionen. Timothy Snyder zeigt in seinen Überlegungen, wie wichtig es ist, dass ein Staat seine Schutzfunktion nicht verliert und dass seine Institutionen nicht zu Werkzeugen der Verfolgung werden. Es reicht nicht, wenn einzelne Menschen anständig sind. Es braucht auch Gesetze, unabhängige Gerichte, funktionierende Behörden und eine Gesellschaft, die bereit ist, ihre demokratischen Grundwerte zu verteidigen
Die Geschichte des Holocaust zeigt, dass die Bedingungen in den verschiedenen europäischen Ländern unterschiedlich waren. Dort, wo staatliche Strukturen zerstört wurden oder die Besatzungsmacht Menschen ihrer bisherigen Rechte beraubte, konnten Verfolgung und Gewalt besonders weit gehen. Aber auch bestehende Institutionen konnten versagen oder selbst an der Verfolgung mitwirken. Deshalb dürfen wir nicht einfach darauf vertrauen, dass schon alles gut gehen wird
Demokratie ist nicht nur, alle paar Jahre wählen zu gehen. Demokratie bedeutet auch, dass Gerichte unabhängig arbeiten können, dass Medien frei berichten, dass Minderheiten geschützt werden und dass niemand seine grundlegenden Rechte verlieren darf, nur weil er einer bestimmten Gruppe angehört
Und es bedeutet, dass Menschen widersprechen, wenn andere ausgegrenzt werden. Nicht erst dann, wenn es gefährlich wird, sondern schon dann, wenn sich Ausgrenzung langsam normalisiert
Vielleicht sehe ich manche Dinge besonders kritisch, weil ich selbst aus einem Land komme, in dem politische Macht und ideologische Vorstellungen das Leben der Menschen über viele Jahre bestimmt haben. Ich weiß, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeit sind. Man merkt oft erst, wie wertvoll sie sind, wenn man erlebt hat, was passiert, wenn sie fehlen
Deshalb schreibe ich das nicht, weil ich Österreich schlechtreden möchte. Im Gegenteil. Ich schreibe es, weil ich dieses Land als meine Heimat betrachte und weil ich mir Sorgen um seine Zukunft mache.
Wenn mir Österreich egal wäre, würde ich mir diese Gedanken vielleicht gar nicht machen. Aber ich habe hier eine Heimat gefunden. Ich möchte, dass meine Kinder hier glücklich werden können. Ich möchte, dass sie sich keine Gedanken darüber machen müssen, ob sie wegen ihres Namens, ihrer Herkunft oder der Religion ihrer Eltern anders behandelt werden
Sie sollen sagen können: Das ist mein Land. Hier bin ich zu Hause. Hier gehöre ich dazu
Und ich möchte nicht, dass sie eines Tages erleben müssen, wie ihre Zugehörigkeit infrage gestellt wird. Ich möchte nicht, dass sie sich rechtfertigen müssen, obwohl sie nichts anderes kennen als dieses Land. Und ich möchte nicht, dass sie irgendwann feststellen, dass Menschen, die ihnen heute freundlich begegnen, plötzlich anders über sie denken, weil sich das gesellschaftliche Klima verändert hat
Vielleicht klingt das für manche übertrieben. Vielleicht werden manche sagen, dass man Geschichte nicht mit der Gegenwart vergleichen darf. Natürlich muss man vorsichtig sein. Die heutige Situation ist nicht mit der Zeit des Nationalsozialismus gleichzusetzen. Aber vorsichtig zu sein bedeutet für mich nicht, die Augen zu verschließen. Es bedeutet, genau hinzuschauen, Unterschiede zu erkennen und trotzdem aus der Vergangenheit zu lernen
Ich frage mich deshalb oft, warum wir immer erst dann ernsthaft reagieren, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Warum warten wir so lange, bis Worte zu Taten werden? Warum nehmen wir Ausgrenzung manchmal erst dann ernst, wenn sie Menschen persönlich betrifft?
Wir sollten doch längst wissen, dass eine Gesellschaft nicht von heute auf morgen ihre Werte verliert. Es geschieht Schritt für Schritt. Manchmal beginnt es mit einem politischen Slogan, manchmal mit einer Aussage, über die viele hinwegsehen. Und manchmal beginnt es einfach damit, dass niemand widerspricht
Ich wünsche mir ein Österreich, in dem Menschen nicht ständig beweisen müssen, dass sie dazugehören. Ein Österreich, in dem die Würde eines Menschen nicht davon abhängt, woher er kommt oder woran er glaubt. Ein Österreich, in dem Politiker Verantwortung für ihre Worte übernehmen und in dem Menschenrechte nicht nur dann verteidigt werden, wenn es gerade politisch passt
Vor allem wünsche ich mir eine Gesellschaft, die aus ihrer Geschichte gelernt hat und nicht erst dann aufwacht, wenn es zu spät ist
Denn am Ende geht es nicht nur um Politik. Es geht um Menschen. Es geht um unsere Kinder, um ihre Zukunft und um die Frage, in welcher Gesellschaft sie leben werden
Ich habe in Österreich eine Heimat gefunden. Und ich möchte, dass diese Heimat auch für meine Kinder eine Heimat bleibt, in der sie sich sicher fühlen, frei leben können und niemals das Gefühl haben müssen, weniger dazuzugehören als andere
Deshalb lässt mich eine Frage nicht los:
Wohin mit diesem Land?
Vielleicht müssen wir uns zuerst eine andere Frage stellen: Was sind wir bereit zu tun, damit dieses Land eine Heimat bleibt, in der alle Menschen in Würde und Freiheit leben können?
Denn die Geschichte lehrt uns nicht, dass sich alles zwangsläufig wiederholt. Sie zeigt uns aber, wie gefährlich es werden kann, wenn Ausgrenzung zur Normalität wird und die Menschen zu lange schweigen
Und ich möchte nicht irgendwann zurückblicken und feststellen müssen, dass wir die Warnzeichen gesehen haben, aber nicht den Mut hatten, rechtzeitig etwas dagegen zu tun
Sudanesischer Autor aus Österreisch
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